Vorfilm

Sinti und Roma erscheinen seit den ersten Tagen des Kinos auf der Leinwand in einer Reihe von Filmen bekannter Pionier:innen und dies weit über die Länder Europas und Nordamerikas hinaus (Dina Lordanova). Wenn mensch die Rolle des Films bei der Schaffung (und Aufrechterhaltung) von Rassismus und Medienverleumdung ansieht, wird die tief verinnerlichten Stereotypen klarer.

Wir müssen zugeben, dass die Auswahl eurozentriert und sich auf Frauen konzentriert, weil sie oft ebenso oft vergessen oder mit Stereotypen behaftet sind.

Parallel dazu entdeckten wir die Geschichten der weiblichen Pionier:innen, wie z.B. Alice Guy, Asta Nielsen und Aasta Nielsen, Paola Negri und Tela Tchaï, Katarina Taikon, Melanie Spitta und Marika Schmiedt und suchten nach den Verbindungen:

Alice Guy wurde als erste Regisseurin in der Filmgeschichte "vergessen", sie drehte schon 1905 einen Film über "Esmeralda" und Filme über Flamencotänze:rinnen, Asta Nielsens Geschichte zum ersten Filmstar und ihren Film zum Stereotyp der heimatlosen Sinti und Roma als Spione.

Paola Negri und Tela Tchaï als Romaschauspielerinnen müssen wir noch rausarbeiten, zur Zeit fehlen sie hier, auch die Filmemacherinnen Melanie Spitta und Marika Schmiedt bekommen noch ihren Eintrag.



Wie alles anfing

Alice Guy- (Blaché) war eine Pionierin des Films und die erste Filmregisseurin der Welt.

Alice Guy

Alice Guy -(Blaché), * 1. Juli 1873 in Saint-Mandé; † 24. März 1968 in Mahwah, New Jersey, war eine Pionierin des Films und die erste Filmregisseurin der Welt. Ihren ersten Film, La Fée aux Choux, drehte sie 1896, wodurch sie als eine der ersten Regisseure überhaupt einen fiktionalen Film schuf. Sie wurde später auch ihre eigene Produzentin.

Seit ihrem 17. Lebensjahr verdiente Alice Guy ihren Lebensunterhalt als Stenotypistin. 1894 wurde sie von Léon Gaumont als Sekretärin bei dem Comptoir général de la Photographie eingestellt.

 Am 22. März 1895 wohnte sie einer internen Vorführung des Kinematographen der Gebrüder Lumière bei. Erst acht Monate später, am 28. Dezember 1895, fand die erste öffentliche Vorstellung des Kinematographen in Paris statt. Ihr Arbeitgeber ging bald bankrott, aber der Prokurist Gaumont gründete im Juli 1895 die neue Firma L. Gaumont et compagnie. Dort machte Alice Guy ihrem Chef den Vorschlag, selber einen Film mit einer Spielhandlung zu drehen. Gaumont nahm den Vorschlag an und so begann die Regiekarriere von Alice Guy, die über 25 Jahre dauern sollte. In dieser Zeit schuf sie als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin über 700 (1000) Filme.


Schon 1905 drehte sie und Victorin-Hippolyte Jasset: La Esmeralda,  die erste Verfilmung des Glöckners von Notre-Dame (nach Victor Hugos Roman). Der Film gilt als verschollen. Nur einige Fotos von Filmszenen existieren noch. Ob die Umsetzung anders aussah wie in den folgenden Filmen und Alice Guy den Stereotypen der sogenannten "Zigeunerbilder" nicht ebenso aufsaß, kann leider nicht nachgeforscht werden.
Alice Guy reiste vom 15. Oktober bis Ende November 1905 sechs Wochen lang durch Spanien und drehte in Barcelona, Madrid, Granada, Córdoba und Sevilla. Der Film "Danse Gitane", zeigt die ersten Aufnahmen einer Flamencogruppe und in der sogenannten Stummfilmzeit mit Ton. Im letzten Teil ist die Colorierung von Hand zu sehen. Auch hier war Alice Guy Pionierin.

Be Natural

The Untold Story of Alice Guy-Blaché, Pamela B. Green USA 2018

DIE VERGESSENE FILMPIONIERIN

Kennen Sie Alice Guy-Blaché? Mit dieser Frage eröffnet Pamela B. Green ihren Dokumentarfilm „Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché“.  Alice Guy-Blachés Name ist über die Jahre aus den Geschichtsbüchern verschwunden. Dabei war sie die erste weibliche Regisseurin und Produzentin. Ihren ersten Film drehte sie 1896. Mehr als 1000 weitere sollten folgen. Warum ist ihr Name heute kaum mehr bekannt – ganz im Gegensatz zum Brüdern Lumières oder Georges Méliès?

Les resultats du feminisme

ALICE GUY BLACHE - Les resultats du feminisme (Die Konsequenzen des Feminismus 1906).

Der Kurzfilm zeigt eine Welt, in der die Rollen getauscht sind: Die Männer sitzen zuhause, bügeln die Wäsche und schmücken Hüte, die Frauen rauchen, legen die Füße hoch und verführen, auf wen sie gerade Lust haben. Der Film treibt die damals verbreiteten Karikaturen über Suffragetten und Feministinnen auf die Spitze und hält damit der patriarchalen Gesellschaft den Spiegel vor. Am deutlichsten wird das in einer Szene, in der ein Mann mit Köfferchen von einer Frau auf einer Parkbank angemacht wird. Er ziert sich, dreht sich zur Seite, sie geht darüber einfach hinweg. Erst als eine andere Frau ihm zu Hilfe eilt, lässt sie von ihm ab. (aus https://www.kino-zeit.de/news-features/features/die-filmpionierin-die-niemand-kennt)


Asta Nielsen

der große Star des Stummfilms

Asta Nielsen

Asta Nielsen war der große Star des Stummfilms, im Prinzip sogar der erste weibliche Filmstar überhaupt in der Geschichte des Kinos, in der sie als eines ihrer ersten Sexsymbole gelten kann. Asta Nielsen ließ sich nie auf ein Rollenfach festlegen: Sie spielte sowohl gebrochene, leidende Frauen als auch Prostituierte; Tänzerinnen ebenso wie einfache Arbeiterinnen. Ihre Körpersprache war immer dezent, dabei aber ausdrucksstark.

 

Ihre Filmkarriere endete mit dem Tonfilm, sie trat nur in einem einzigen, Unmögliche Liebe, auf. Obwohl sie eine angenehme Stimme hatte, ging ihr gekonntes Mienenspiel in diesem neuen Medium unter. Filmangebote lehnte sie kontinuierlich ab. Sie widmete sich fortan dem Theater und veröffentlichte 1946 ihre Autobiographie Die schweigende Muse. 1963 wurde sie mit dem Filmband in Gold für ihr langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film ausgezeichnet. 1968 erschien ein von ihr produzierter, autobiografischer Dokumentarfilm. (Wikipedia)


Das Mädchen ohne Vaterland

Ernst Deutsch-Dryden - Das Mädchen ohne Vaterland Poster.jpg
Von Ernst Deutsch-Dryden - Unmögliche Liebe. Asta Nielsen, ihr Kino, S. 289, Gemeinfrei, Link


Filmstar Asta Nielsen in Freiburger Kinos (1911-1914). Lokale Analyse eines Medienumbruchs (Eine Analyse, wie durch Werbung und Einführung des Monopolvertriebs der FILMSTAR geboren wurde. WICHTIG!

Das Mädchen ohne Vaterland Untertitel Eine Episode aus dem Balkankrieg bzw. Ein Drama aus den Balkanländer ist ein deutscher Stummfilm in drei Akten von Urban Gad aus dem Jahr 1912 mit Asta Nielsen als Schauspielerin.

      Schon 1897 handelt einer der ersten Streifen der Filmgeschichte von einem Zigeunercamp. Ab da dienen Zigeuner dem Stummfilm als melodramatischer Stoff, als Projektionsfläche von eigenen Ängsten, als Komparsen (in Western) und als Vorführer auf Jahrmärkten.

Rescued by Rover R: Lewin Fitzhamon, GB 1905 wikipedia.org/
The Adventures of Dollie R: D.W. Griffith, USA 1908  wikipedia.org/

The Lonely Villa R: D.W. Griffith, USA 1909  wikipedia.org/

Die hier genannten Filme greifen das klassische Vorurteil vom Kindesraub auf, einer zeigt das Zeltlager vom „guten Zigeuner“, die ihren Pferdewagen für eine Rettung zur Verfügung stellen und der letzte (mit Asta Nielsen) zeigt das „vaterlandslose“ Zigeunermädchen auf dem Hintergrund der nationalistisch aufgeladenen Vorkriegszeit.

Das European Film Gateway bietet seit Februar 2013 Zugang zu rund 3.000 historischen Filmen mit Bezug zum Ersten Weltkrieg.

Die Beschreibung: "In den Gebirgswäldern am Balkan liegt eine kleine aber wichtige Grenzfestung, die der Feind zur Eroberung ausspionieren möchte. Als Spionin von durchschlagender Wirkung wird eingesetzt Zidra, die schönste Blüte eines Zigeunerstammes."

Kein Wort zur Stereotype der Spionage - Roma und Sinti wurden seit ihrer Ankunft in Europa vorgeworfen, Spionage zu betreiben. Sie wurden als Spione des türkischen Heeres diffamiert und galten im protestantischen England als Spione des Vatikans. Als Komplizen des "jüdischen Bolschewismus" eingeschätzt, fielen sie während der Zeit des Nationalsozialismus zu Tausenden den Massenerschießungen der SS-Einsatzgruppen, die – unterstützt von Wehrmachtseinheiten – hinter der deutschen Front mordeten, zum Opfer. Im Kosovo-Krieg wurden Roma von albanischer Seite der Kollaboration mit den Serben verdächtigt und als Spione vertrieben oder ermordet
Die Entstehung von Vorurteilen und Stereotypen lässt sich sehr anschaulich am folgenden Beispiel illustrieren: Die Legende des "Kinder stehlenden "Zigeuners" beruht unter anderem auf der Zwangsassimilierungspolitik Maria-Theresias. Eine Verordnung sah vor, dass Roma-Kinder der Aufsicht ihrer Eltern entzogen und der Obhut "christlicher Pflegeeltern" übergeben werden sollten. Jene Roma-Familien, die den Versuch unternahmen, ihre Kinder zurückzuholen, wurden daraufhin des Kinderdiebstahls bezichtigt. http://rombase.uni-graz.at/cgi-bin/art.cgi?src=data/ethn/topics/stereo.de.xml

Hier der Film

Das Mädchen ohne Vaterland

Filmportal.de, 1912, 32:16 min Copyright Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Regie: Gad, Urban

Schauspieler:in: Asta Nielsen, Paul Meffert u.a.



Leider nur in Englisch, dafür aber kostenfrei erhältlich ist ein Buch der Forschungsstelle Antiziganismus, zu dem es einen Link zu einem passenden Artikel gibt: "Das Motiv des Kinderdiebstahls in der Stummfilm-Ära und danach".

Radmila Mladenova

Patterns of Symbolic Violence

The Motif of ‘Gypsy’ Child-theft across Visual Media

Antiziganismusforschung interdisziplinär – Schriftenreihe der Forschungsstelle Antiziganismus

Anhand einer Reihe paradigmatischer Kunstwerke untersucht das Buch das Motiv des „Zigeuner“-Kinderraubs und dessen Visualisierungen. Die Autorin nimmt eine Bestandsaufnahme der Anpassungen des Motivs in verschiedenen visuellen Medien vor und arbeitet seine vielschichtigen Bedeutungen und Funktionen heraus.  Den Abschluss bildet eine annotierte Filmografie, die 49 Werke umfasst.

Link: The Child-theft Motif in the Silent Film Era and Afterwards


Aasta Nielsen

Filme der norwegischen Schauspielerin:

Fante-Anne (1920)

Jomfru Trofast (1921)

Felix (1921)

Regisseur Rasmus Breistein

 

Fante-Anne oder Gipsy-Anne

hier der 100 jährige Film, restauriert 2011 von der Nasjonalbiblioteket (National Library of Norway)

Zitat aus Artikel von Gunnar Iversen: "Obwohl die Geschichte von Anne auf dem Land spielt und sich die Hauptthemen des Films um das traditionelle ländliche Leben drehen, sind seine Anliegen modern. Gipsy Anne befasst sich nicht nur mit Klassenunterschieden und der Stellung von Frauen im ländlichen Leben, sondern auch mit ethnischer Zugehörigkeit, Auswanderung und Mobilität.Bewegung und Grenzübertritt sind wesentliche Aspekte des Films, und die pastorale ländliche Landschaft wird zu einem Ort ethnischer Spannungen."

Fante-Anne oder Gipsy-Anne (1920)

Dies war der erste norwegische Film, der ausschließlich von Norwegern gedreht wurde und nicht von Schweden, Dänen oder Deutschen. Es soll auch der erste Film mit professionellen Schauspielern gewesen sein, in diesem Fall angeführt von der beeindruckend ausdrucksstarken Aasta Nielsen - einer 23-jährigen Theaterschauspielerin und nicht der dänischen Asta (ein zusätzliches „a“), die bereits als Hauptdarstellerin etabliert war.

Es ist ein Film mit einer Botschaft, in dem die Außenseiterin, die nicht dazugehörige "Zigeunerin", um ihren rechtmäßigen Platz in einer von Tradition und Vorurteilen geprägten Gesellschaft kämpfen muss.

Wir haben vom Danske Filminstitut die Erlaubnis und den Tip bekommen auf Artikel in ihrem Journal Kosmorama zu verweisen: Iversen, Gunnar (2017): Unbekannten Ursprungs - Identität, Nationalität und ethnische Zugehörigkeit in Gipsy Anne (1920). Kosmorama # 269 (www.kosmorama.org)

Zitat aus obigen Artikel: "Auch wenn die Geschichte selbst Annes ethnische Identität nicht eindeutig identifiziert oder definiert und sie keine physischen Merkmale der Andersartigkeit aufweist, wählte der Titel Breistein für den Film und den Titel der Kurzgeschichte von Kristofer Janson aus dem Jahr 1868, die die Quelle von Breisteins war Film, markiert sie eindeutig nicht nur als Waise, sondern auch als Roma-Frau. Das Roma-Volk als stürmischen und widerspenstigen Kontrast zur ruhigeren skandinavischen Identität zu verwenden, war nicht nur im norwegischen Kino in den 1920er Jahren, sondern auch im schwedischen Kino ein wichtiges Thema. Eine Reihe norwegischer und schwedischer Filme befasste sich mit Bedenken hinsichtlich der ethnischen Vermischung in den 1920er Jahren (Iversen 2011a: 43-44, Grage 2007, Myrstad 1996)."



Katarina Taikon im Film Uppbrott

Text der schwedischen Seite "übersetzt": https://www.filmarkivet.se/movies/uppbrott/

Als der legendäre Dokumentarfilmer Arne Sucksdorff "Aufbruch" im Jahr 1948 aufnahm, war er der erste schwedische Regisseur, der einen Oscar erhielt für die impressionistische Kurzfilm "Die Menschen in der Stadt", die das Leben in Stockholm auffing. Nun wollte er einen Film über ein Roma-Lager machen und kam in Kontakt mit der sechzehn Jahre alten Katarina Taikon. Später würde sie als politische Aktivistin für die Rechte der Roma und als die gefeierte Autorin von Kinderbüchern bekannt sein, aber hier ist sie das Mädchen, das barfuß am Lagerfeuer tanzt. Es ist schwer, die Augen von ihr zu nehmen; um sie herum ist ein Licht und eine Vitalität, die Sucksdorff durch Querschnitt ihres Tanzens mit Nahaufnahmen von Blumenöffnung verstärkt.

Der Film beginnt mit dem Lager in der Nähe der Årsta-Brücke in Stockholm Banken. Während ein durchgebrannter Motor gewartet wird, spielen Männer Kartenspiele und Musik und die Frauen beginnen zu tanzen. Ein eher unproblematisches Bild des Roma-Lebens, voller Wärme und Gemeinschaft über die Generationen hinweg. Später bieten Katarina Taikon ein viel grimmigeres Bild des Aufwachsens als Roma in den dreißiger und vierziger Jahren Schwedens: Der Familie wurde keine feste Wohnsitz geboten und musste alle drei Wochen umziehen, die Kinder durften nicht zur Schule gehen, und im Winter war es schrecklich kalt in den Zelten. Es dauerte bis 1959, bevor Roma das Recht auf Wohnung und Schule hatten, aber Vorurteile und Unterdrückung wird nicht über Nacht verschwinden. Katarina Taikon war in den sechziger und siebziger Jahren ein bekannter Sprecherin für die Rechte der Roma und die autobiografischen Kinderbücher über Katitzi schrieb sie in der schwedischen Literaturgeschichte.

"Aufbruch" wurde vor Ingmar Bergman "Thörst" gezeigt, die Premiere war Weihnachten 1948. Katarina Taikon spielte in mehreren Filmen in den fünfziger Jahren, aber der Film "Aufbruch" war in mehrfacher Hinsicht wichtig. Lawen Mohtadi sagt in ihrem Buch über Katarina Taikon, "Der Tag werde ich frei sein" (Natur und Kultur, 2012), die Dreharbeiten von "Aufbruch" ermöglicht es für Katarina Taikon sich von dem Mann, den sie zwei Jahre zuvor sie geheiratet hatte, zu trennen. Die junge Frau, die um ein Lagerfeuer tanzt wird bald frei sein in die Welt zu gehen und sich zu erkennen.



Wer spricht hier

Wenn ihr den perfekt restaurierten Film von 1948 seht und vorher den Text aus dem 13. Buch Katarina Taikons mit dem gleichnamigen Titel: "UPPBROTT" vergleicht, bekommt ihr eine Ahnung, was die Bücher für Kinder und Jugendliche ausmachten.

(2016 Erstveröffentlicht zur Ausstellung "Katarina Taikon - schwedische Romaaktivistin und Kinder- und Jugendautorin" vom Freundeskreis für Sinti und Roma in Oldenburg e.V.

Wir hatten damals ca 70 Dokumente von und über Katarina Taikon gesammelt und zur Kinderbuchmesse KIBUM 2016 eine Ausstellung mit Veranstaltungen gemacht. Begeistert waren wir über die enorme Medienpräsenz der Romaaktivistin: Bücher, einen Gedichtband, eine Schallplatte, eine Fernsehserie (Videos), Comics, Bilderbücher, es fehlte fast nichts - demnächst unter der Rubrik Buch (Geschichte)

 

Katitzi ist der Name von Katarina Taikon, Rosa ist ihre Schwester, Paul ihr Bruder, Arne ist der Regisseur Arne Sucksdorff.

 

Filme der schwedischen Schauspielerin Katarina Taikon:

1948 – Uppbrott

1949 – Singoalla

1950 – Motorkavaljerer

1951 – Tull-Bom

1953 – Marianne

1953 – Åsa-Nisse på semester

1956 – Sceningång

 

S.27 - 29

„Wie eine Blume!“ Arne zeigte, wie er sich die Tanzbewegungen vorstellte, streckte die Arme nach oben und ließ sie sich langsam ausbreiten in dem Versuch, die Bewegungen eines sich öffnenden Blütenblattes nachzuahmen, während er sich gleichzeitig ungeschickt im Kreise drehte. Mit der Pfeife im Mund und dem Manuskript in der Hand glich er am allerwenigsten einer taufrischen, knospenden Rose, die sich in der Sonne voll entfaltet. Die Choreografin, würdevoll wie eine Königin, konnte sich das Lachen verkneifen. Aber nur mit Mühe.

„Mädchen“, sagte Arne. „Dies ist Birgit Cullberg. Sie soll euch Romatänze tanzen lehren.“

„Du bist nicht klug, du. Sie ist doch keine Roma. Sie ist ja eine Gadsche (gaji). Sie kann uns doch nicht unsere Tänze lehren“, rief Katitzi aus. Rosa war auch verwundert, aber sie sagte nichts.

Birgit Cullberg sah selber skeptisch aus.

„Niemand hat bisher einen solchen Film gesehen wie den, den wir machen. Der wird perfekt werden, glaubt mir. Birgit ist eine Toppkraft. Sie wird Wunder bewirken. Glaubt mir.“

Arne schaute sie treuherzig an.

„Oj, oj. So was habe ich schon mal gehört“, brummelte Katitzi.

„Das Mädchen hat recht. Ich bin keine Romnja und auch keine Expertin für Romatänze. Aber wir können das Beste aus der Situation machen.“

Birgit setzte das Grammofon in Gang, und ein ungarischer Csardas erfüllte den Raum mit Musik.

„Fang an, Katitzi.“

Und Katitzi tanzte einen ‚romano kelimos’, einen Romatanz. Arne räusperte sich.

„Naja, das ist nicht so ganz das, was ich mir gedacht habe. Du verstehst, ich arbeite mit einer Blume, parallel zu Katitzis Tanz. Die sollen gleichzeitig ausschlagen…“

„Jaaah, ich glaube, ich verstehe. Arne, lässt du mich bitte das Manuskript sehen?“

Zur Überraschung von Katitzi und Rosa schien Birgit zu verstehen, worüber Arne sprach.

„Tja, das Manuskript ist noch nicht ganz fertig.“ Arne wand sich. „Ich glaube, wir sollten improvisieren, wenn wir es mit einem Naturvolk zu tun haben…Aber du kannst die Blume sehen…“

„ Er spinnt“, flüsterte Katitzi.

„Er ist Künstler. Du weißt…“

„…dass die spinnen, ja.“

 

Langsam verließ Arne sie, und Birgit setzte das Grammofon wieder in Gang.

„Das ist keine Roma-Musik. Das ist ungarische…“

„ Ja, natürlich ist das ungarisch. „ Birgit zögerte etwas. „Ungarischer Csardas…Romamusik.“

„Denk mal, das stimmt nicht. Ich will eine ‚hopptja’ tanzen, und Paul soll spielen. Willst du das nicht auch, Rosa?“

Rosa und Birgit sahen einander an und nickten übereinstimmend.

„ Wir haben dabei nicht so viel zu sagen. Der Regisseur entscheidet, und er weiß, was er will.“

Katitzi fand sich in das Unausweichliche. Auf den Knien liegend, zusammengekrümmt, den Kopf auf den Boden gebeugt, hatte sie im Rhythmus der Musik mit den Armen zu wehen und zu schweben, sukzessiv, wie aus einem langen Schlummer erwachend den Kopf zu heben, eine Blume nachzuahmen. Sie sah auf, und ihr Blick erreichte das Fenster. Davor drängten sich Roma. Sie sahen misstrauisch, zweifelnd auf sie.

Katitzi brach in Lachen aus.

„ Ein Schritt Hollywood näher. Die Angebote werden nach diesem Tanz auf mich regnen.“

 

S.46f

An diesem ersten Tag gab es viele Unterbrechungen. Die meisten hatten verschiedene Auffassungen davon, wie der Film gemacht werden sollte. Der eine sagte hü und der andere hott, und der Regisseur versuchte vergeblich zu erklären, dass er der Regisseur war. Er und niemand anderes.

Aber die Roma konnten diese Tatsache nur schwer einsehen. Der Punkt war doch, meinten sie, dass der Film von Roma handeln sollte. Wer wusste mehr über Roma, Gadsche oder ‚le rom’. Die Antwort war doch klar, fand man. Die Gadsche teilten die Auffassung der Roma nicht. Wir können Filme machen, sagten sie. Aber ihr wisst nichts über Roma, sagten die Roma. Der Gadsche zuckte mit den Achseln und meinte, dass die Roma keinen Deut von künstlerischer Freiheit verstünden.

„Wir machen keinen Film für ein ethnografisches Museum, dies ist eine freie künstlerische Schöpfung.“

„Aber das soll doch von Roma handeln?“